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Die Geschichte der Juden in Unsleben

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Die Geschichte der jüdischen Kultusgemeinde in Unsleben reicht weit zurück.
Nur einen winzigen Bruchteil kenne ich aus mündlicher Überlieferung oder gar eigenem Erleben. Ich muss mich daher im wesentlichen auf die Auswertung der Archive, des Staatsarchives in Würzburg, des Zentralarchives der Juden in Jerusalem und des hiesigen Schloßarchives stützen.

Die erste Erwähnung von Juden in Unsleben geht auf die Steuerveranlagung von 1545 zurück.
Sie nennt jeden einzelnen Haushalt, die Juden aber pauschal und setzt dafür einen halben Gulden an. Das war weniger als der „ärmste“ christliche Haushalt zu geben hatte.
Die Judengemeinde kann also zu diesem Zeitpunkt weder zahlreich noch vermögend gewesen sein. Bei der Erbhuldigung von 1589 war überhaupt nicht von Juden die Rede. Hundert Jahre später, 1690, werden aber zwei speßardt´sche Juden namentlich genannt, obwohl 1765 das älteste Gemeinderatsmitglied(damals ca. 70 Jahre alt) aussagt, dass er sich noch an die Zeit erinnern könne, als es keine Juden in Unsleben gab. Vielleicht hatte er die Anfänge oder besser den Neuanfang schon vergessen oder er bezog seine Aussage auf Juden im würzburgischen Dorf. Fakt ist, dass zur Zeit der Schloßherrn von Speßardt bis zum Zeitpunkt der Übergabe an die Familie von Habermann in 1749 die Judenschaft kontinuierlich auf 26 Familien angewachsen ist.

Die Juden waren bis auf wenige Ausnahmen vom Landesherrn, dem Fürstbischof von Würzburg, aus seinem Lande Unterfranken ausgewiesen worden und dieses Ansiedlungsverbot wurde von allen Bischöfen mehr oder weniger streng immer wieder erneuert. Das war für den Landadel, der sich in der Ritterschaft zusammengeschlossen hatte, die Chance durch die Inschutznahme von Juden – ein kaiserliches Privileg für die Ritterschaft - eine lukrative Einkommensquelle zu verschaffen. Die Besitzungen der Ritterschaft, als Inseln im bischöflichen Land, unterstanden nämlich nicht dem Herrschaftsbereich des Bischofs und er konnte dem Landadel daher auch nicht verbieten, dass er Juden unter seinen Schutz annahm, die als Gegenleistung eine Aufnahmegebühr, eine jährliche Schutzgebühr und sonstige Abgaben wie Neujahrsgeld, Botengeld, für geschlachtete Rinder das Zungengeld und natürlich Miete in den schloßeigenen Gebäuden zu bezahlen hatten. Als weitere Einkommensquelle kamen noch die verhängten Geldstrafen für Übertretungen der vom Schutzherrn gesetzten Ordnung hinzu.

 Das Verhältnis zwischen der Judenschaft und der Christengemeinde dürfte in dieser Zeit nicht das beste gewesen sein. Die Juden waren eben nicht nur Andersgläubige(das war noch zu meiner Jugendzeit auch schon anderen Christen gegenüber ein Makel!), sie hatten andere Sitten und Gebräuche, eine andere Sprache(jiddisch oder hebräisch), insbesondere wenn sie von den Christen nicht verstanden werden wollten, sie unterstanden nicht dem Landesherrn und ihr Schutzherr von Speßardt hatte kein besonders gutes Verhältnis zur Gemeinde Unsleben. Durch die vom Schloßherrn geförderte immer stärkere Ausdehnung verdrängten sie Christenfamilien und schmälerten so das Einkommen des Pfarrers. Der Pfarrer erhielt deswegen sogar zum Ausgleich für ihm entgehende Gebühren von den Juden eine jährliche Neujahrsgabe, die mit dem Anwachsen der Judenschaft immer nach oben angepasst werden musste. Gründe genug über das Hiersein der Juden nicht gerade erfreut gewesen zu sein.
Man muss dabei bedenken, dass bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts Unsleben zwar keine Stadtmauer hatte, aber ein geschlossenes Dorf mit seinen Toren und Scheunen war, die den Ort wie mit einem Ring einschnürten. Es konnte nur innerhalb des Ringes hier und da noch ein Haus hinzugefügt werden.
Mit dem Anwachsen der Judengemeinde wurde das Unterkommen im inneren Schloßbereich immer schwieriger, obwohl eigens dafür Judenhäuser gebaut wurden. Als erstes wurden die christlichen Schloßuntertanen(davon gab es fünf bis sieben) aus ihren Häusern in der unteren Streugasse verdrängt, so waren die Juden immer noch im Einfluss- und Schutzbereich des Schloßherrn, aber dies stieß in der Gemeinde auf Widerstand.
Juden wie Christen hatten zahlreiche Kinder, aber die Kindersterblichkeit war bei den Juden geringer als bei den Christen und so erklärt sich das ungleiche Bevölkerungswachstum und die Konkurrenz um die Wohnhäuser.
So ist die Judengemeinde bis zum Ende der fürstbischöflichen Herrschaft durch die Säkularisation 1803 bis auf rund 40 Familien angewachsen, alles Schutzjuden der Familie von Habermann. Von da ab begannen aber auch einige Judenfamilien sich beim neuen Landesherrn in Schutz zu begeben.

Eine Erhebung zeigt für 1810 folgendes Bild:

von Habermann´sche Schutzjuden                                Schutzjuden des Erzherzogs
Familien 38                                                                 7
Personen 175                                                             30

In Unterfranken war durch Napoleon´s Gnaden vorübergehend Erzherzog Ferdinand von der Toskana der Landesherr bis dann 1816 wieder die Bayern Unterfranken übernommen haben. Zwischenzeitlich hatten die Bayern 1813 ihr sog. Judenedikt erlassen, das den Juden neue Rechte einräumte, aber auch neue Pflichten auferlegte. Sie hatten nun Religionsfreiheit, das Bürgerrecht und durften Grundbesitz erwerben. Es wurde aber die Judenmatrikel eingeführt, d.h. die Zahl der Familien sollte sich nicht vermehren. Sie mussten bleibende Familiennamen annehmen, denn bis dahin hatten sie als Zweitnamen den Namen ihres Vaters an den Vornamen angehängt. Der erstgeborene Sohn erhielt den Vornamen des Großvaters, der auch gleichzeitig der Zweitname seines Vaters war. So konnte es vorkommen, dass z.B. in einer Familie über drei Generationen der Name Simon Jonas und Jonas Simon und Simon Jonas war und diese Namensfolge sich immer weiter fortsetzte. Bis zum Judenedikt waren die Juden in der Ausübung eines Berufes sehr eingeschränkt. Sie sollten den Christen keine Konkurrenz werden deswegen auch kein Land besitzen, um Bauer zu werden – damals der Hauptberuf. Den Christen dagegen war der Geldverleih oder besser die Zinsnahme verboten. So blieben den Juden im wesentlichen nur der Geldverleih, der Handel, insbesondere Viehhandel und das Hausieren, sowie einige Kleingewerbe wie Metzger, Schuhmacher, Schneider, Seifensieder.

Bis 1833 ist die Zahl der Familien durch die strenge Beachtung der Matrikelauflage relativ konstant geblieben, es werden 44 genannt gegen 45 in 1810, aber 232 Personen gegen 205 in 1810.

Das Sozialgefüge dürfte sich in der kurzen Zeit seit 1810 aber schon sehr verbessert haben. So werden für 1833 genannt:

1 Großhandelskaufmann
14 Gewerbetreibende
3 Bauern
24 Hausierer

Die Kultusgemeinde hatte sich aber schon wesentlich früher organisiert. Schon für 1753 wird die erste Synagoge erwähnt, ein Gebäude in einem Hinterhof auf der linken Seite der unteren Streugasse, das bis 1923 bestand. Auch der Schulunterricht war organisiert. Der Schloßverwalter berichtet schon 1808 von zwei Schullehrern, einem für die reichen und einem für die armen Juden, die für 37 Kinder im Hausunterricht tätig sind, weil kein Schulraum vorhanden sei. Bald schon sah sich die Kultusgemeinde in der Lage, ihre alte sehr primitive Synagoge durch eine bessere zu ersetzen. So wurde bereits 1837 die große Zehntscheune in der Kemmete für 1000 Gulden vom Staat gekauft mit dem Ziel, dort eine Schule und Synagoge einzubauen. Es dauerte aber noch fast 20 Jahre bis das Ziel verwirklicht werden konnte.

Für 1848 wird die Judenschaft wie folgt charakterisiert: 55 Familien mit 194 Seelen, davon 37 Familien nur ganz gering vermögend, 11 Familien mittelmäßig und 7 Familien wohlhabend. Die Familien sind zahlreicher, aber kleiner geworden. Es war dies eine Folge der leichteren Familiengründung und Ansiedlung im Dorf. Die jungen Männer mussten nicht mehr warten, bis ihre Eltern alt genug waren und ihren Platz freigemacht haben für eine neue Familie. Außerdem gab es in 1839 einen großen Auswanderungsschub nach USA, vornehmlich nach Cleveland/Ohio. Cleveland, heute ca. 500.000 Einwohner, war damals genau so groß wie Unsleben. Nach dort war anfangs 1830 Simson Thormann ausgewandert und als Pelztierjäger so vermögend geworden, dass er seine Jugendliebe, Reichel Klein, nachholen konnte, um sie zu heiraten, was offensichtlich zu Hause nicht möglich war.
Damals sind gleichzeitig 20 Personen unter Führung von Moses Alsbacher mit ausgewandert.
Der damalige Lehrer Lazarus Kohn hat das sog. Alsbacher-Dokument verfasst, ein Abschiedsbrief, indem er den Auswanderern, seinen Segen, seine guten Wünsche und Ermahnungen mit auf den Weg gegeben hat, auf dass sie sich in der neuen Heimat nicht von ihrem rechten Glauben abbringen lassen sollten. Ein sehr interessantes Dokument, leider verbietet es sich aus Raumgründen darauf noch näher einzugehen. Nur soviel sei gesagt, dass Simson Thormann als der Begründer der jüdischen Gemeinde von Cleveland gilt und dies heute in einem neuen Museum für das jüdische Erbe in Cleveland groß herausgestellt und dabei auch Unsleben bedacht wird.

1850 wurde schließlich der Synagogen- und Schulbau wieder aktiv weiter betrieben. Bei einem Ortstermin mit den Unslebenern Baumeistern Jessenberger und Keidel wurde die Baufälligkeit der alten Synagoge festgestellt. Den alten Plan, in der großen Zehntscheune unten die Schule und oben die Synagoge einzubauen, haben die Baumeister verworfen. Die Mauern würden dies nicht aushalten. Es wurde vorgeschlagen, die Zehntscheune auf Abbruch für 80 Gulden zu verkaufen, sie steht übrigens heute noch links am Ortseingang von Neustadt her kommend.

Nun wurde zunächst eine neue Schule für 1610 Gulden erbaut(es gab dafür einen Kreiszuschuß von 200 Gulden!), die uns bekannte Judenschule am Mühlgraben. 1851 wurde dann auch der Synagogenbau in der Kemmete ausgeschrieben mit folgendem Ergebnis:
Die Summe der Einzelgewerke belief sich auf 2.773 Gulden

Es gab drei Gesamtangebote:
2.730 von Heinrich Jessenberger
2.733 von Kaspar Fuchs
2.734 von Georg Dorst, Mittelstreu

Hier zeigt sich nun die sprichwörtliche Geschäftstüchtigkeit der Juden. Es ist ihnen gelungen, die Synagoge nach Einzelgewerken für 2.499 Gulden zu verakkordieren.

Schließlich wurde zur gleichen Zeit auch die Anlage eines jüdischen Friedhofes in Angriff genommen. Bis dahin mussten die Leichen nach Kleinbardorf gebracht werden, für die damaligen Verkehrsverhältnisse sehr beschwerlich.

Judenfriedhof Unsleben  1857 wurden die Grundstückskaufverträge abgeschlossen, aber man muss sich schon vorher geeinigt haben, denn im Dezember 1856 wurde mit Genehmigung des Bezirksamtes bereits das erste Kind dort beerdigt. Zwischen 1856 und 1942 wurden insgesamt 229 Personen beerdigt. Davon sind offensichtlich 13 Gräber untergegangen, 66 Gräber sind nicht zu identifizieren, zum geringen Teil durch Verwitterung der Inschrift oder, weil sie nur in hebräisch beschriftet sind, zum größten Teil aber wurden die in der jüngeren Zeit verwendeten Glastafeln durch Vandalismus in der Nazi-Zeit zerstört.
Insgesamt muss die Gemeinde aber in der kurzen Zeit der Emanzipation in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts aus ihrer früheren Armut zu erheblichem Wohlstand gekommen sein, dass sie gleichzeitig Schul- und Synagogenbau und die Anlage eines Friedhofes sich leisten konnte, denn von geringen Drittmitteln abgesehen, musste die Judenschaft alles selbst durch Umlagen bestreiten.
Es gibt noch aus der Zeit von 1798 – 1826 ein Gemeindebuch und ein Protokollbuch des jüdischen Gerichts von 1799 – 1838, und ein solches von den Vorstands- und Gemeindeversammlungen 1819 – 1897, sie behandeln u.a. die Vermietung von Synygogenplätzen, die Anstellung von Vorbetern und die Strafanzeigen. Diese dicken Bücher enthalten sicherlich noch interessante Informationen aus dieser Zeit. Sie sind jedoch leider in hebräischer Schrift verfasst. Erst ab 1860 gehen die Juden bei der Protokollierung ihrer Angelegenheiten zur deutschen Schrift über.
Der Höhepunkt der zahlenmässigen Entwicklung der Judenschaft dürfte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bei ca. 60 Familien gelegen haben. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts werden immer wieder Auswanderer, vornehmlich nach USA genannt. Das gilt in gleicher Weise für den christlichen Bevölkerungsteil Unslebens. In diese Zeit fällt auch mit der Reichsgründung 1871 die fast völlige Gleichstellung der Juden, nur die Offiziers- und Richterlaufbahn blieb ihnen noch versagt. Für 1906 werden 45 Familien genannt und 1935 35 Familien. Die Zahl der Schulkinder ist von ca. 40 Mitte des 19. Jahrhunderts in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts auf rund 10 abgesunken, erst in den dreißiger Jahren waren es wieder rund 15, weil die Kinder aus Mellrichstadt und sogar Schleusingen aus den Schulen entfernt und nach Unsleben gewiesen wurden.
Die Juden haben die erlangte Freiheit genutzt und sich dort niedergelassen, wo sie sich besser standen, denn Unsleben hat halt nur begrenzte Entfaltungsmöglichkeiten geboten. Die hier gebliebenen haben sich aber immer mehr in das allgemeine Dorfleben integriert. Wohl sind sie noch hauptsächlich im unteren Dorf und allenfalls in der Hauptstrasse ansässig geworden sicherlich aus alter Anhänglichkeit zum Schloß und in der Nähe ihrer Synagoge und Schule, aber sie haben am Gemeinschaftsleben des Dorfes aktiv teilgenommen. Sie waren im Gemeinderat, in den Vereinen, wie Feuerwehr, Turnverein, Kriegerverein auch in der Vorstandschaft vertreten. Sie sind im ersten Weltkrieg auch Kriegsteilnehmer gewesen und hatten aus ihren Reihen 5 Kriegstote zu beklagen.
Man kann sicher nicht behaupten, dass sie als Gesamtheit ganz ohne Vorbehalte akzeptiert waren. Zu solchen Vorbehalten genügte damals schon die Religion, ihre besonderen Sitten, wie der Schabbes am Samstag und bei vielen der Beruf als Viehhändler mit den entsprechenden Gepflogenheiten dieser Sparte in der damaligen Zeit. Bei manchen Christen könnte auch ein gewisser Neidkomplex geherrscht haben, weil die Wohlstandsentwicklung bei den Juden deutlich besser als bei vielen Christenfamilien verlaufen ist. Trotz dieser Vorbehalte kann man festhalten, dass die Welt in Unsleben bis zum Beginn des dritten Reiches so in Ordnung war wie auch heute, wo es zwischen den Bürgern auch mehr oder weniger gut gelittene Nachbarn geben wird.
Das musste sich aber abrupt ändern mit der Einführung von Verordnungen gegen die Juden und besonderen Gesetzen zu ihrer Diskriminierung und Unterdrückung durch die NS-Regierung. Dies begann schon kurze Zeit nach dem Amtsantritt von Hitler. Am 1. April 1933 sollten die jüdischen Geschäfte boykottiert werden und dies wurde durch SA-Posten überwacht, im April 1933 wurden auch bereits die jüdischen Beamten in den Ruhestand geschickt, 1935 alle Juden aus dem Staatsdienst entfernt, sie wurden aus den Vereinen ausgeschlossen. Bei der Feuerwehr galt damals, wer kein Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist, wird zwangsweise rekrutiert. Nach dem Ausschluß der Juden aus der Feuerwehr in Unsleben, fragte der damalige Bürgermeister Herleth (ich meine:scheinheilig oder schelmisch) beim Bezirksamt an, ob nun die Juden Zwangsmitglied bei der Feuerwehr sein müssten. Darauf hat er keine schriftliche Antwort erhalten, er wurde vielmehr bald durch einen linientreuen Bürgermeister ersetzt. Ganz allgemein wurde schon frühzeitig der Bevölkerung der Umgang mit den Juden untersagt und es gab sicher auch in Unsleben genug Spitzel, die ein Zuwiderhandeln gegen diese Anordnung, zur Anzeige gebracht hätten, zumal wir zu dieser Zeit einen starken Polizeiposten in Unsleben stationiert hatten.

Diesen Abbruch der nachbarlichen und freundschaftlichen Beziehungen haben die Juden damals nicht verstehen können und als besonders verletzend empfunden. Wer wollte aber schon riskieren mit der Gestapo in Konflikt zu geraten oder gar in Dachau zu landen. An den Begriff „Dachau“ erinnere ich mich in der Steigerung von Gefängnis – Zuchthaus – Dachau und nicht selten hat man als Kind gehört: „ Will der- oder willst du – in Dachau landen!“

Das Volk wurde damals mächtig eingeschüchtert, damit die Machthaber des dritten Reiches ihr Ziel der Isolierung, Vertreibung und schließlich sogar Vernichtung des Judentums erreichen konnten. Insbesondere die Leute auf dem Land, wie hier, waren noch aus Kaiserszeiten den Gehorsam gegenüber der Obrigkeit gewohnt und sie waren natürlich auch weit weniger informiert als etwa die Stadtbevölkerung oder die Leute, die als Oberschicht gelten konnten, Radio besaßen oder eine überregionale Zeitung hielten.

Schließlich kam der 9. November 1938, die sog. „Reichskristallnacht“. Die Erschießung eines Mitglieds der deutschen Botschaft in Paris durch einen polnischen Juden war der Vorwand, einen weiteren Angriff gegen das Leben und vor allem das Eigentum der Juden mit dem Ziel der Vertreibung und dadurch die Vereinnahmung jüdischen Eigentums. Der Staat brauchte nämlich Geld, um die Kriegsvorbereitungen zu finanzieren und so wurde der Judenschaft eine Sühne von 1,25 Milliarden Reichsmark für die Ermordung des Botschaftssekretärs auferlegt, was damals 6% des Jahreshaushalts ausmachte. Damals hat die SA und SS mit offensichtlicher Billigung der NS-Führung randalierende Angriffe auf jüdisches Eigentum und auf die Synagogen durchgeführt. Auch in Unsleben waren einheimische SA- und SS-Angehörige verstärkt durch solche aus Thüringen an den Ausschreitungen gegen die Juden beteiligt. Hier wurde die Einrichtung der Synagoge zerstört, nachdem die Juden aber bereits im Spätsommer 1938 die Thora-Rollen und Bekleidung ausgeräumt und in Sicherheit gebracht hatten. Die bevorstehende Aktion der Parteibasis war offensichtlich schon zu den Juden durchgesickert. Sie versteckten sich oder setzten sich in andere Orte ab, wo sie sicher sein konnten. Neben den Übergriffen auf das Eigentum sollten nämlich auch tausende von Männern, insonderheit wohlhabende verhaftet werden. Die Männer von hier wurden, soweit sie sich durch Hinweise nicht nach auswärts begeben oder unauffindbar versteckt hatten, in ihren Häusern aufgespürt und teils mit Gewalt zu dem Sammelplatz, dort wo die Enggasse in die Streugasse mündet, gejagt und wo ein LKW stand, auf den die Aufgestöberten gescheucht und nach Neustadt ins Gefängnis in „Schutzhaft“ gebracht wurden, angeblich um vor der Volksmenge sicher zu sein. Als damals siebenjähriger in der Enggasse wohnend erinnere ich mich sehr wohl an die Schreie und das Rennen von Personen durch die Enggasse, das Schlagen mit Knüppeln an Gartenzäune und Masten, offensichtlich um den Aufgegriffenen Beine zu machen.
Das hat den letzten Optimisten unter den Juden, die glaubten das tausendjährige Reich aussitzen zu können, klar gemacht, dass sie nun schleunigst die Auswanderung betreiben müssen.
Nach Kriegsbeginn war aber kaum noch eine Ausreise möglich. Die Unslebener Juden sind hauptsächlich in New York, in einem bestimmten Viertel dort, ansässig geworden. Sie haben sich zunächst einer bestehenden Synagoge angeschlossen, nach einigen Jahren aber haben sie ihre eigene Gemeinde, das Elmhurst Jewish Center gegründet, sie hatten ja ihre Thora-Rollen mitgebracht. Heute nachdem Kinder und Enkel sich mehr und mehr von der ursprünglichen Wohngegend entfernt haben, haben sie sich einer anderen Gemeinde unter Bewahrung ihrer Selbständigkeit angeschlossen, in der ein Sohn eines ausgewanderten Unslebeners, nämlich von Walter Mittel(87) als Rabbi tätig ist.

Donnerstagshaus  Die verbliebenen rund 20 Personen wurden bei Kriegsbeginn teils in ein Altenheim nach Würzburg verbracht und die restlichen wurden im sog. „Donnerstagshaus“ zusammengepfercht. Die Männer mussten täglich die Gänse der Unslebener auf die Weide treiben und hüten. Am 22. April 1942 wurden schließlich die zuletzt noch hier wohnenden 10 Juden unter Bewachung des örtlichen Polizeikommissars mit dem Zug nach Würzburg geführt und am 25. April 1942 von dort mit weiteren 840 im Sammeltransport nach Izbica bei Lublin gebracht, von dort schließlich in Vernichtungslager. Die Bewohner des Altenheimes wurden am 23.09.1942 nach Theresienstadt verbracht und kamen dort um. Viele Unslebener mögen arglos gedacht haben, dass sie in ein Arbeitslager gebracht werden, den Juden selbst war wohl bewusst, was ihnen bevorstand.

Unser Altbundespräsident Friedrich von Weizsäcker hat in seiner Rede anlässlich des 40. Jahrestages der Kapitulation zum Völkermord an den Juden folgendes ausgeführt:
 Die Ausführung des Verbrechens lag in der Hand weniger. Vor den Augen der Öffentlichkeit wurde es abgeschirmt. Aber jeder Deutsche konnte miterleben, was jüdische Mitbürger erleiden mußten, von kalter Gleichgültigkeit über versteckte Intoleranz bis zu offenem Haß. Wer konnte arglos bleiben nach den Bränden der Synagogen, den Plünderungen, Stigmatisierung mit dem Judenstern, dem Rechtsentzug, den unaufhörlichen Schändungen der menschlichen Würde?
Wer seine Ohren und Augen aufmachte, wer sich informieren wollte, dem konnte nicht entgehen, daß Deportationszüge rollten. Die Phantasie der Menschen mochte für Art und Ausmaß der Vernichtung nicht ausreichen.
Aber in Wirklichkeit trat zu den Verbrechen selbst der Versuch allzu vieler, auch in meiner Generation, die wir jung und an der Planung und Ausführung der Ereignisse unbeteiligt waren, nicht zur Kenntnis zu nehmen, was geschah.
Treffender kann man die damaligen Verhältnisse und die Mitschuld der erwachsenen Mitbürger nicht kennzeichnen, nämlich das Weggucken, das nicht zur Kenntnis nehmen, das sich nicht einmischen, um den eigenen Leib nicht in Gefahr zu bringen.

  

Mahnmal für unsere jüdischen Mitbürger  An dieses Verhalten unserer Eltern und Großeltern soll uns das Mahnmal erinnern und uns Mut machen, sich einzumischen, wenn ähnliche Situationen uns und unseren Nachkommen begegnen

Referat von Professor Josef Hesselbach anläßlich der Denkmaleinweihung


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http://www.alemannia-judaica.de/unsleben_synagoge.htm


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